100 Jahre Freistaat Bayern

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Zeitleiste

1918

Proklamation des Freistaats Bayern 1918

7. - 8. November 1918: Nach einer Friedenskundgebung in München schafft Kurt Eisner, ein Journalist und Führungspersönlichkeit der sozialistischen USPD, mit Hilfe bewaffneter Soldaten einen Umsturz fast ohne Gegenwehr. König Ludwig III. flieht. Eisner verkündet: „Bayern ist fortan ein Freistaat.“ Er sorgt für Frauenwahlrecht und den Acht-Stunden-Arbeitstag, verliert aber die Landtagswahl vom 12. Januar 1919 deutlich. Nur 2,5 Prozent stimmen für seine USPD. Als Eisner zurücktreten will, wird er von einem Rechtsradikalen erschossen. Die politische Gewalt in München eskaliert. Links- wie rechtsradikale Kräfte verüben Gräueltaten.

Postkarte: München's Erwachen am Morgen
Bild: Haus der Bayerischen Geschichte.

Portrait von Kurt Eisner.
Bild: Bundesarchiv.

Abgeordnete bei einer Sitzung im Exil in Bamberg.
Bild: Bildarchiv Bayerischer Landtag.

Überstempelte Briefmarke mit dem Bild Ludwigs III.
Bild: Haus der Bayerischen Geschichte.

„Bayern und München im Besonderen war demokratisch, lange bevor in Deutschland von ‚Demokratie‘ in irgendeinem revolutionären Sinne die Rede war. Es war und ist demokratisch im folkhaft-volkstümlichen, das heißt also: in konservativem Geiste.“

Thomas Mann in der New Yorker Zeitschrift „The Dial" 1923, zit. n. Brigitta Roth: Bayern in Zitaten der Welt, München 2001, S. 178.

1920er

Unter dem Eindruck der gerade in Bayern gewalttätigen (Gegen-)Revolution und des Versailler Vertrags bestimmen bald wieder monarchische, deutschnationale und auch rechtsradikale Kräfte die politische Wirklichkeit. Ihr Ziel: die alten Verhältnisse wiederherzustellen und Bayern zu einer „Ordnungszelle“ im Deutschen Reich zu machen. Bewaffnete Verbände beeinflussen das politische Leben, das von wiederholten Regierungswechseln und der grassierenden Hyperinflation erschüttert wird. Auf diesem Boden nimmt die NSDAP ihre Anfänge, der Hitler-Putsch von 1923 scheitert aber an den Gegenmaßnahmen der bayerischen Regierung und Polizei. Unter Ministerpräsident Heinrich Held von der Bayerischen Volkspartei kehrt politische Stabilität ein. Held versucht vor allem, die zentralistische Reichsverfassung zu korrigieren, die die Eigenstaatlichkeit Bayerns erheblich einschränkt.

Versammlung von Mitgliedern der Einwohnerwehren auf dem Königsplatz in München.
Bild: Bundesarchiv.

Nationalsozialisten unter ihnen Heinrich Himmler, hinter einer Straßenbarrikade in München.
Bild: Bayerische Staatsbibliothek.

Portrait von Heinrich Held.
Bild: Bayerische Staatsbibliothek.

1930er

Die Weltwirtschaftskrise treibt ab 1929 die Arbeitslosigkeit in die Höhe. Davon profitiert die NSDAP. Bei den Wahlen 1932 liegt sie mit der Bayerischen Volkspartei gleichauf. Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler wird Bayern 1933 „gleichgeschaltet“: Die Nationalsozialisten setzen die gewählte bayerische Regierung ab, verbieten alle Parteien und lösen den Landtag auf. Das NS-System versucht, alle gesellschaftlichen Bereiche zu durchdringen. Dabei stoßen die Nationalsozialisten vereinzelt an Grenzen, etwa bei politisch organisierten Arbeitern, den Kirchen oder in katholischen Milieus. Insgesamt gewinnt das Regime jedoch nach und nach stark an Akzeptanz. In Dachau errichten die Nationalsozialisten das erste KZ für politische Gegner. Juden werden systematisch entrechtet. Am 9. November 1938 brennen die Synagogen.

Häftlinge im Straflager.
Bild: Bundesarchiv.

Zeitzeuge

Zeitzeuge Tadeusz Biernacki berichtet über seine Erfahrungen als Zwangsarbeiter im NS-Regime.

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Beim Parteitag der NSDAP in Nürnberg 1934 versammeln sich Zehntausende Menschen.
Bild: Bundesarchiv.

Hans und Sophie Scholl mit ihrem Freund Christoph Probst im Juli 1942.
Bild: akg-images/George (Jürgen) Wittenstein.

1940er

1939 beginnt Hitler-Deutschland den Zweiten Weltkrieg, in dem weltweit über 60 Millionen Menschen ihr Leben verlieren. Die Nationalsozialisten und ihre Handlanger ermorden sechs Millionen Juden. Nach der deutschen Kapitulation 1945 hat Bayern Glück, dass es zur Besatzungszone der USA gehört. Die Amerikaner ermöglichen die Erneuerung von Staatlichkeit und Demokratie in Bayern. Bald wählt die Bevölkerung Gemeinderäte, Kreistage und schließlich eine verfassungsgebende Landesversammlung und den Landtag. 1946 tritt die neue Verfassung des Freistaats Bayern in Kraft. Die ersten Aufgaben der bayerischen Nachkriegspolitik sind der Kampf gegen Hunger, Knappheit und Wohnungsnot sowie die Unterbringung von über zwei Millionen Flüchtlingen und Heimatvertriebenen.

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Zeitzeugin Inge Eckert berichtet über den Tag der Befreiung durch die US-Armee.

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Deutsche Soldaten mit Motorrad auf schlammigem Terrain.
Bild: Bayerische Staatsbibliothek.

Ruinen in Würzburg.
Bild: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege.

„Wir wissen nicht, was aus Deutschland wird, aber den bayerischen Staat wollen wir uns so einrichten, daß sich auch der ärmste bayerische Arbeiter und Bauer darin heimisch fühlen kann.“

Wilhelm Hoegner in einer seiner ersten Reden nach Kriegsende 1945, zit. n. Brigitta Roth: Bayern in Zitaten der Welt, München 2001, S. 177.

Amerikanische Soldaten verteilen Süßigkeiten an Kinder.
Bild: Bundesarchiv.

Das Maximilianeum, Sitz des Bayerischen Landtags.
Bild: Bildarchiv Bayerischer Landtag.

1950er

Seit der Gründung der Bundesrepublik 1949 setzen sich die bayerischen Ministerpräsidenten, Hans Ehard von der CSU ebenso wie Wilhelm Hoegner von der SPD, für eine starke Rolle der Länder ein. Der Wiederaufbau der bayerischen Städte kommt schnell in Fahrt. Dank der hohen Arbeitsleistung der Bevölkerung und der Hilfen aus den USA erholt sich nach der Währungsreform von 1948 die bayerische Wirtschaft rasch. So rasch, dass die Menschen von einem „Wunder“ sprechen. In der „Sozialen Marktwirtschaft“ gelingt es, marktwirtschaftliche Freiheit und soziale Sicherung für die Menschen miteinander zu verbinden.

Portrait von Dr. Wilhelm Hoegner.
Bild: Bayerische Staatsregierung.

Das Modell „Janus“ von Zündapp mit geöffneter Tür.
Bild: Haus der Bayerischen Geschichte.

1960er

Bayern wandelt sich rasant vom Agrar- zum Industriestaat: Im ganzen Land werden neue Gymnasien und Universitäten gegründet und Verkehrsachsen gebaut. Ministerpräsident Alfons Goppel symbolisiert in seiner Rolle als „Landesvater“ Kontinuität im Wandel und bayerisches Selbstbewusstsein. Das „Wirtschaftswunder“ verändert die Lebenswelt spürbar. Waschmaschinen und Fernseher werden Alltagsgüter, die Menschen leisten sich erste Italien-Urlaube. „Gastarbeiter“ aus Italien, Spanien, Griechenland und der Türkei unterstützen das Wachstum der bayerischen Wirtschaft. Die rebellische Jugend drängt auf eine weitergehende Liberalisierung der Gesellschaft und zieht zunehmend in die Städte.


Bild: Staatliches Bauamt Regensburg.

Frau steht neben ihrem Auto an der italienischen Riviera.
Bild: Haus der Bayerischen Geschichte.

Studenten ziehen 1968 mit Bildern von Ho Tschi Minh, Karl Marx und Che Guevara durch Münchens Straßen.
Bild: picture-alliance/dpa.

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Hans Maier, Bayerischer Kultusminister von 1970 bis 1986, berichtet über die teilweise gewalttätigen Studentenproteste von 1968 und den Übergang zum Terrorismus der 1970er Jahre.

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1970er

Olympia 1972: Bei den „heiteren“ Spielen in München präsentiert sich Bayern weltoffen und bunt. Doch das Attentat auf israelische Sportler wirft lange Schatten auf das Großereignis. Im Jahr darauf markiert die Ölkrise für viele das Ende des „Wirtschaftswunders“. Doch auch wenn Arbeitsplätze in der Landwirtschaft und in traditionellen Industrien verloren gehen, läuft der Strukturwandel in Bayern reibungsloser als anderswo: 1975 sind erstmals mehr Menschen im Dienstleistungssektor beschäftigt als in der Produktion. Die bayerische Landesregierung profiliert sich gegen die sozialliberale Koalition in Bonn und bringt große Infrastrukturprojekte wie den neuen Flughafen für München in Gang.

Dr. Hans Eisenmann in einer Pferdekutsche.
Bild: Nationalpark Bayerischer Wald.

Athleten bei der Eröffnungsfeier im Münchener Olympiastadion.
Bild: picture-alliance/dpa.

Ausgebrannter Polizeihubschrauber auf dem Flugfeld Fürstenfeldbruck.
Bild: picture-alliance/dpa.

Zerstörte Austos auf dem Parkplatz des LKA.
Bild: Archiv Redaktion Bayerns Polizei.

1980er

Der Freistaat ist widerspenstig, pocht auf seine Eigenständigkeit und kämpft vehement für die Rechte der Länder gegenüber Bund und EU. Ministerpräsident Franz Josef Strauß vertritt Bayerns Interessen weltweit, scheitert aber als Kanzlerkandidat. Die im oberpfälzischen Wackersdorf geplante atomare Wiederaufarbeitungsanlage provoziert massive Proteste der Bürger und wird später gestoppt. Aus der Umwelt- und Friedensbewegung geht eine neue Partei hervor: 1986 ziehen die Grünen in den Bayerischen Landtag ein.

Protestierende Menschen und Polizisten stehen sich gegenüber.
Bild: picture-alliance/dpa.

Franz Josef Strauß und Ronald Reagen im Weißen Haus.
Bild: HSS-ACSP/Foto Winfried Rabanus.

Fröhliche Menschen stehen 1986 mit Sonnenblumen vor dem Münchner Landtag.
Bild: picture-alliance/dpa.

1990er

Nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ wird Bayern nach 40 Jahren an der Grenze zum Ostblock wieder zu einem Kernland Europas. Unter Ministerpräsident Edmund Stoiber bemüht sich Bayern um die Ansiedelung von Zukunftsindustrien und gründet im ganzen Land neue Fachhochschulen. Die Bevölkerung wächst durch Zuwanderung rasant von 1987 10,9 auf 2004 12,4 Millionen. Vor allem die großen Städte profitieren, während entlegenere Regionen mit Abwanderung zu kämpfen haben. Der Freistaat wird zur Marke mit weltbekannten Aushängeschildern wie dem FC Bayern, dem Oktoberfest und Schloss Neuschwanstein.

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„Wiesn-Chefin“ Gabriele Weishäupl spricht über die Bedeutung des Dirndls für das Oktoberfest.

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In der Fachhochschule Amberg-Weiden reicht ein Roboter Ministerpräsident Edmund Stoiber eine Maß Bier.
Bild: OTH Amberg-Weiden.

Der Eingangsbereich des Museums Georg Schäfer.
Bild: © Steffen Egly.

2000er

Die „Nullerjahre“ sind auch in Bayern stark von globalen Entwicklungen geprägt und stehen vielfach im Zeichen der Krise. Die Terroranschläge des 11. September 2001 bringen ein neues Gefühl der Bedrohung. Auch Europa wird Ziel von islamistischen Terroristen. Der wirtschaftliche Strukturwandel schreitet fort und Traditionsunternehmen wie die Oberpfälzer Maxhütte schließen ihre Tore. Die Arbeitslosigkeit erreicht neue Höchststände. Bankenpleiten, Finanzkrise und staatliche Verschuldung führen zum schlimmsten wirtschaftlichen Einbruch seit dem Zweiten Weltkrieg. Innenpolitisch geht mit dem Rücktritt von Ministerpräsident Edmund Stoiber eine Ära zu Ende. Doch im deutschen und globalen Vergleich geht Bayern gestärkt aus der Krisenzeit hervor: Die gezielte Förderung von Bildung, Wissenschaft, Infrastruktur und Zukunftstechnologien trägt Früchte. In den darauf folgenden Jahren finden in Bayern so viele Menschen wie noch nie Arbeit und die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen den Regionen verringern sich deutlich.

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Dr. Max Fischer berichtet von finanziellen Problemen des Stahlwerks Maxhütte und der anschließenden Insolvenz.

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Wissenschaftler in der Fusionsanlage ASDEX
Bild: © Volker Rohde.

Jürgen Mangelberger und eine Mitarbeiterin bei der Arbeit.
Bild: © Karl-Josef Hildenbrand.

„Der Fortschritt spricht bayerisch.“

Edmund Stoiber in einer Rede am Politischen Aschermittwoch, Passau 2000, zit. n. Brigitta Roth: Bayern in Zitaten der Welt, München 2001, S. 163.